Weil die Banken, die rund 90 Prozent des Geldes schöpfen, ständig mehr verlangen als sie geben, ist nie genug Geld zur Bezahlung der Schulden da, selbst wenn alle Matratzen gewendet und sämtliche Konten geräumt würden. Sie müssen des-halb ständig neues Geld in Umlauf bringen – über Kredite an Staaten, Firmen und Private. Sie haben gar keine andere Wahl. Täten sie es nicht, gingen die Kreditnehmer pleite und das Spiel wäre aus, bevor es richtig begonnen hat. Es ist im Grund ein Kettenbrief: Das Spiel wird verlängert, indem das uneinlösbare Versprechen vergrössert wird. Solange die Teilnehmer daran glauben, gibt es immer ein paar Gewinner. Am Schluss aber verliert die grosse Mehrheit. Damit die Kreditkette nicht reisst, müssen also immer neue und grössere Darlehen gesprochen werden. Und damit sich Kredite rechtfertigen lassen, braucht es Wachstum. Denn in einer stabilen Wirtschaft – von einer schrumpfenden gar nicht zu sprechen – lässt sich der Mehrertrag gar nicht erwirtschaften, den es zur Bedienung der Kredite braucht. Deshalb sind wir süchtig nach Wachstum.

Die drei Arten von Wachstum (Quelle: Money – Sustainability. Club of Rome EU Chapter, 2012. Illustration: Vincent Grand)

Natürlich ist Wachstum nicht gleich Wachstum. Am leichtesten zu verstehen ist das lineare Wachstum – jedes Jahr einen gleichbleibenden Betrag mehr. Eine gerade, ansteigende Linie ist es, was die meisten Menschen vor ihrem geistigen Auge sehen, wenn sie beispielsweise lesen, die Zahl der Autos hätte sich in den letzten 35 Jahren um durchschnittlich 2 Prozent er-höht. Aber jede prozentuale Zunahme ist, wenn sie anhält, exponentielles Wachstum. Exponentielles Wachstum ist für uns Menschen nur schwer zu erkennen, weil es in der Natur nicht vorkommt – ausser im embryonalen Zustand und in Krebszellen. Der amerikanische Physiker Alfred Bartlett hält die Unfähigkeit des Menschen, das exponentielle Wachstums zu erkennen, sogar für seinen grössten Fehler. Damit Sie es leichter entdecken, eine kleine Faustregel: Die Division der Zahl 70 durch den prozentualen Wert ergibt die Verdoppelungszeit. Wenn also die Zahl der Autos um 2 Prozent zunimmt, haben wir nach 35 Jahren eine Verdoppelung – so geschehen in der Schweiz in den vergangenen 35 Jahren. Wer hätte damals gedacht, dass die gesamte Bevölkerung einmal auf den Vordersitzen ihrer Autos Platz finden würde?

Exponentielles, also unendliches und immer schneller steigendes Wachstum ist in einer endlichen Welt natürlich nicht möglich. Daran glauben, wie der US-Ökonom Kenneth Ewart Boulding so schön sagte, nur Idioten oder Ökonomen. Aber mit endlichen Grenzen kommt unser Geldsystem mit sei-ner unendlichen Wachstumsdynamik nicht zurecht. Weil in ei-ner endlichen Welt nicht unendlich Substanz geschaffen wer-den kann, verlagert sich die Produktion von der Befriedigung natürlicher Bedürfnisse zunehmend in Dinge, für die zuerst mit viel Marketinggeld eine Nachfrage herbeigezaubert werden muss und in Güter, die allein der Befriedigung emotionaler Bedürfnisse oder der Demonstration des sozialen Status dienen. Wer hier ernsthaft von der Befriedigung von Bedürfnissen spricht, kann nur die Gier des sich selbst vermehrenden Schuldgeldes meinen. Der Mensch im Kapitalismus produziert und konsumiert nicht derart masslos, weil er will, sondern weil er muss. Dabei bekommt uns der Überfluss gar nicht. Gemäss dem US-Neurowissenschaftler Peter Whybrow hat sich das menschliche Gehirn in einer von Kargheit geprägten Umgebung entwickelt und ist gar nicht für eine Welt des extremen Überflusses vorgesehen. Die Konsequenz: «Wir haben eine physiologische Funktionsstörung erzeugt. Wir haben die Fähigkeit zur Selbstregulierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen verloren.» (Peter Whybrow: Wenn mehr nicht genug ist – Analyse einer gierigen Gesellschaft, 2007).

Unter der Wirkung des Wachstumszwangs verhält sich Wirtschaft zunehmend unökonomisch. Ein paar Beispiele:

  • Erfindung synthetischer Bedürfnisse: Die Pharmaindustrie erfindet Krankheiten und die Medikamente dazu, die Autoindustrie baut Fahrzeuge, deren Leistung wir aufgrund der Tempolimiten gar nicht brauchen können, und die Mode verkauft ohnehin mit jeder Jahreszeit etwas, das wir schon haben.
  • Immer schnellere Ausbeutung natürlicher Ressourcen: Weil unser Geld Nachhaltigkeit systematisch benachteiligt, werden veraltete Technologien zu langfristig hohen Kosten am Leben erhalten, zum Beispiel der Verbrennungsmotor und die dazu notwendige Erdölgewinnung. Dabei hat der Benzinmotor einen Wirkungsgrad von bloss 12 bi 14 Prozent, der Elektromotor von mindestens 90 Prozent. Jetzt müssen Öl und Gas mit problematischen und teuren Technologien wie Tiefseebohrungen oder Fracking gewonnen werden. Dabei könnte allein die Schweiz durch konsequente Umstellung auf erneuerbare Energien bis im Jahr 2060 600 Mrd. Franken sparen, wie der ETH-Professor und Informatik-Unternehmer Anton Gunzinger schlüssig berechnet hat.
  • Hochfahren der Militärausgaben: Obwohl wir seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in einer Welt leben, in denen die Gefahren nicht mehr mit Armeen und konventionellen Waffen eingedämmt werden können, sind die Militärausgaben seit 1998 um 62 Prozent gestiegen, von 1,054 Billionen Dollar auf 1,711 Bio im Jahre 2014. Typisch ist der Fall des hochverschuldeten Griechenland mit den zweithöchsten Pro-Kopf-Militärausgaben aller NATO-Staaten. Das Land mit seinen vielen Inseln verfügt über mehr Panzer als Deutschland, Grossbritannien und Frank-reich zusammen! Waffen sind volkswirtschaftlich doppelt sinn-los: Sie sind teuer und unproduktiv, und wenn sie einmal «produktiv» eingesetzt werden, hinterlassen sie nur Zerstörung.
  • Umwandlung von unbezahlten und nicht berechneten Dienstleistungen in kostenpflichtige Services: Altenpflege, Kinderbetreuung, Zubereitung von Mahlzeiten – immer mehr Bereiche des sozialen Biotops werden von der Geldwirtschaft vereinnahmt und monetarisiert. Jetzt sollen auch noch die kostenlosen Leistungen vor allem der Frauen in Geldwerten beziffert und in die volkswirtschaftliche Rechnung eingeführt werden. So verständlich das Anliegen aus feministischer Sicht ist, so zweifelhaft dürften die Folgen sein. Die Gefahr ist jedenfalls gross, dass das, was geschützt werden soll, letztlich zerstört wird. Und mit jeder Umwandlung eines Lebens- oder Naturwerts in einen Geldwert zerstören wir Brücken, zu einem menschlichen Mass zurückzukehren.

Die allermeisten Kosten sind an der Quelle am niedrigsten und sie steigen, je weiter sie sich von ihr entfernen.

  • Gezielte Alterung und Verschlechterung der Produkte (planned obsolescence). Immer mehr Güter werden absichtlich mit Bruchstellen ausgestattet, damit sie schneller ersetzt wer-den müssen. Der Ökonom Christian Kreiss beziffert in einer Studie im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen von 2013 den Kaufkraftverlust allein für Deutschland auf jährlich 106 Mrd. Euro. Mit diesem Geld könnte Deutschland seine gesamten Risiken in Griechenland und Portugal locker wegstecken, in einem einzigen Jahr.
  • Verlagerung der Kosten auf die Gesellschaft und in die Zukunft. Wenn dies wenigstens ökonomisch wäre, könnte man bei aller Ungerechtigkeit noch darüber diskutieren. Aber die allermeisten Kosten sind an der Quelle am niedrigsten und sie steigen, je weiter sie sich von ihr entfernen. Es ist volkswirtschaftlich billiger, für Arbeitsgesundheit zu sorgen, als die ausgebrannten Hamsterradfahrer in den Burnout-Kliniken, Invalidenversicherungen und Arbeitslosenkassen über die Runden zu bringen. Es kostet auch weniger, jetzt keine Atomkraftwerke zu bau-en, als sie später teuer entsorgen zu müssen.

Da sich das System mit exponentieller Dynamik entwickelt, fördert es nicht nur die Gier, sondern braucht sie früher oder später zu seinem Überleben: Ohne Gier an der Spitze (bei den Vermögenden und ihren Handlangern, den Ma-nagern) und ohne Gier an der Basis (bei den Konsumierenden) würde unser Geldsystem zusammenbrechen. Da scheint die Gier die sicherere Option.

In der künstlichen Welt des privaten Kreditgeldes beginnt alles vielversprechend und endet desaströs.

Nun sind die Grenzen des Wachstums – wenn auch nicht seine Ursachen – vor einigen Jahrzehnten in die öffentliche Wahrnehmung gedrungen und haben nicht nur bei den Umweltbewegten Fragen aufgeworfen. Die Wachstumsmotoren selbst haben eine passende Antwort gefunden: nachhaltiges Wachstum. Der Begriff ist so einleuchtend, dass ihn fast alle Firmen der Erde in ihr Leitbild getextet haben – besser statt mehr. Trotz-dem ist es eine leere Floskel, wenn nicht sogar ein Kampfbegriff des Kapitalismus. Denn all dieses qualitative Wachstum, das rund um den Globus angestrebt wird, muss in unserem Geld- und Wirtschaftssystem auch mehr Umsatz bringen, sonst findet es schlicht und einfach nicht statt. Nur: Alle Erfindungen, die uns heute Sorgen bereiten und sogar an den Rand des Abgrunds bringen, begannen als qualitative Verbesserung und oft auch als Verminderung der Ausbeutung und Zerstörung natürlicher Ressourcen. Kohle verhinderte die Abholzung der Wälder, Erdöl verdrängte die dreckige Kohle, und die Kernkraft versprach einmal, uns unbeschränkt mit sauberer Energie zu versorgen. Aber in der künstlichen Welt des privaten Kreditgeldes beginnt alles vielversprechend und endet desaströs.

Denn je mehr Produkte wir bereits haben, desto weniger nützlich sind sie, desto geringer ist ihre Wirtschaftlichkeit und desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass sich damit noch die Erträge erwirtschaften lassen, die zur Rückzahlung von Kredit und Zinsen erforderlich sind. Als Konsequenz braucht es weniger Kredit, auf dessen Wachstum unser Geldsystem aber existentiell angewiesen ist. Die Magier des Geldes hätten allerdings ihren Beruf verfehlt, wenn sie nicht auch für dieses Problem eine magische Lösung gefunden hätten: Transaktion ohne Produktion.

Wachstum ohne Wachstum