Geld ist nicht das, was wir meinen; und es tut nicht, was wir erwarten. Dies ist der Grund hinter den rätselhaften Problemen, die uns die Geldwirtschaft beschert: Überfluss auf der einen, bittere Armut auf der anderen Seite des Planeten; wieder-kehrende Krisen, die sich scheinbar nicht aus der Welt schaffen lassen; ungetane Arbeit so weit das Auge reicht und gleichzeitig hartnäckige Arbeitslosigkeit; mühelose Gewinne bei den Einen, harte Arbeit ohne Ertrag bei den Andern.
Hinter diesen Widersprüchen liegt eine gemeinsame Ursache: Die meisten Menschen – Banker, Ökonomen und Politiker eingeschlossen – verstehen nicht, was Geld ist. Einige geben es sogar zu, wie etwa Alan Greenspan, von 1987 bis 2006 Präsident der amerikanischen Zentralbank: «Wir haben ein Problem, Geld exakt zu definieren. … Die gängige Definition von Geld gibt uns nicht die geeigneten Mittel, die Geldversorgung zu kontrollieren», sagte er an einem Kongress-Hearing vom 17. Februar 2000.

Was ist Geld? Es ist Tauschmittel, Wertmassstab und Wertaufbewahrung, sagt die gängige Definition. Aber das sind Beschreibungen, was Geld tut oder tun sollte, und nicht, was es ist. Was Geld sein sollte, zeigt die Betrachtung eines einfachen Tauschvorgangs, zum Beispiel zwischen einem Schreiner und einem Bauern. Der Schreiner liefert dem Bauern einen Tisch und lässt sich mit 1000 Eiern bezahlen. Weil er eine so grosse Omelette aber nicht essen kann, erhält er Gutscheine für die portionenweise Lieferung der Eier. Diese Gutscheine sind ein Anrecht auf Gegenleistung. Das Kollektiv macht aus ihnen durch Vereinbarung ein übertragbares Recht, das von allen akzeptiert wird – Geld. Der Schreiner kann mit diesen Gutscheinen auch den Förster bezahlen, der ihm neues Holz liefert.
Geld ist also ein Anrecht auf Gegenleistung. Es entsteht durch Leistung (der Tisch des Schreiners) und berechtigt zum Bezug einer Gegenleistung (die 1000 Eier). Es verliert seinen Wert, wenn es ohne Leistung entsteht oder wenn keine Gegenleistung geliefert werden kann, wenn also der Bauer beispielsweise bloss über fünf Hühner verfügt, deren Eier die eigene Familie täglich verzehrt. Es verliert seine grundlegenden Eigenschaften auch, wenn keine Institution für die Übertragbarkeit sorgt oder die Einhaltung der Regeln vernachlässigt.

Geld ist ein Anrecht auf Gegenleistung. Es verliert seinen Wert, wenn es ohne Leistung entsteht oder wenn keine Gegenleistung geliefert werden kann.

Wie steht es mit dem Geld von heute? Sein Wesen offenbart sich in seiner Entstehung. Was viele nicht wissen: Die privaten Banken schöpfen das meiste Geld selber – rund 90 Prozent. «Der Vorgang, mit dem Banken Geld erzeugen ist so simpel», schrieb der grosse amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith, «dass der Verstand ihn kaum fassen kann.» In der Tat: «Die Banken schaffen neues Geld, indem sie Kredite vergeben», schreibt die Schweiz. National-bank (SNB) auf Seite 19 ihrer Broschüre «Die Nationalbank und das liebe Geld». Wenn ein Kreditnehmer zur Bank geht leiht ihm die Bank nicht das Geld der Sparer – die behalten es nämlich –, sondern schreibt ihm einfach den gewünschten Betrag ins Konto.Das ist Geld, das es vorher nicht gegeben hat, und damit kann der Kreditnehmer mit einfacher Überweisung seine Rechnungen bezahlen. Das Geld aus dem Nichts funktioniert also wie Geld, für das jemand hart arbeiten musste. Die Banken können übrigens mit diesem selbst gemachtem Geld auch Vermögenswerte kaufen. Die Banken können allerdings nicht beliebig Geld aus dem Nichts schöpfen, aber fast. Sie brauchen dazu lediglich eine Mindestreserve an gesetzlichem Zahlungsmittel von 2,5 Prozent (im Euroraum 1 Prozent). Je nach Risikostufe des Kredits müssen die Banken noch etwas Eigenkapital vorhalten, nach dem Regelwerk Basel III rund 7 Prozent. Sind die Eigenkapitalvorschriften erfüllt, braucht eine Bank für einen Kredit von einer Million also bloss eine Reserve von 25 000 Franken. Fehlen der Bank die 25 000, kann sie sich diese von der Nationalbank leihen, zum Leitzins von 1 Prozent, also für 250 Franken pro Jahr. Mit diesem winzigen Betrag kann die Bank den Millionenkredit finanzieren – ein ziemlich attraktives Geschäft. Aber nicht ganz problemlos für die Allgemeinheit. Denn:

Mit jeder Kreditvergabe entsteht ein gleichbleibendes Guthaben, das in Zirkulation geht und eine Forderung, die mit der Zeit wächst. Die Geldschulden liegen immer über der Geldmenge und der Abstand wächst ständig. Die Bank verlangt ja nicht nur die Rückzahlung des Geldes (das sie nie gehabt hat), sondern auch den Zins. Die wachsende Lücke ist u.a. der Grund, warum ausser ein paar kleinen Steuerparadiesen sämtliche Staaten der Erde hoch verschuldet sind. Die Asymmetrie der Geldschöpfung ist für eine ganze Reihe von Problemen verantwortlich, mit denen die Finanzbranche, die Politik, die Unternehmen, aber auch wir Individuen zu kämpfen haben – mit äusserst bescheidenem Erfolg, wie wir seit Ausbruch der Finanzkrise wissen. Einige, durchaus ernst zu nehmende Ökonomen sind sogar der Ansicht, die heutigen Lösungen verschlimmerten nur die Probleme. Denn die Regeln in diesem Krisenmanagement werden von den Banken, Zentralbanken, Hedgefonds und Rating-Agenturen diktiert, die nicht nur die Schwierigkeiten geschaffen haben, sondern von ihrem Fortbestand auch noch profitieren. Es kommt nicht gut, wenn man die Wölfe mit dem Schutz der Schafe betraut.

Das grundlegende Problem des heutigen Geldes besteht also in der privaten Kreditgeldschöpfung gegen Zins, die zu Schulden führt, die niemals zurückbezahlt werden können. Aber: Ist eine Schuld, die nicht getilgt werden kann, noch eine Schuld oder nicht schon etwas Undefinierbares, eine Art ökonomische Erbsünde? Die moderne Ökonomie macht es sich einfach und erklärt Schulden kurzerhand zu Geld. Doch es ist ein Recht auf eine Leistung, die es im geforderten Umfang nicht gibt und nie geben kann. Auf diesem wackeligen Fundament steht das weltweite Finanzgebäude, das die Erde zunehmend unbewohnbar macht. In jedem seiner Räume lauert ein Ungeheuer, das uns zu verschlingen droht. Dem ersten begegnen Sie auf der folgenden Seite.